Büdingen


Die Altstadt entdecken
Unseren Rundgang durch die Stadt beginnen wir am „Jerusalemer Tor", das seinen Namen einer Sage verdankt und 1503 vollendet wurde. Die herrliche Maßwerksbrüstung zeigt im Mittelfeld des Senkschartenerkers die Wappen des Grafen Ludwig II. und seiner Gemahlin Maria von Nassau. Während ihrer Regierungszeit erhielt die Stadt im wesentlichen ihr heutiges Aussehen.

Wir gehen den Lohsteg entlang, vorbei an der unvergleichlich schönen Westfront der Stadtmauer, dem „Roten Turm" und dem „Grünen Turm", über das „Lohstegbrückelchen" ins „Malereck". Hier erhalten wir einen unauslöschlichen Eindruck von der Südwestecke der alten Festungsstadt. Der mächtige Eckturm mit Meliorshaus, die trutzige Flanke der abgebrochenen inneren Mehlpforte mit dem vorgelagerten Schlaghaus und den Mauern und Gräben entlang des Seemenbachs geben dem burgartigen Steinernen Haus" so recht mittelalterliches Gepräge.

Über die Mühltorbrücke gehen wir hinein in die alte, winklige Stadt. Gleich zu Beginn der Schlossgasse steht das um 1490 erbaute „Steinerne Haus" mit seinem anheimelnden Innenhof, dem mit Maßwerk gezierten Erker und dem sagenumwobenen Eberkopf neben dem Hauptportal. Wassernotmarken auf der inneren Torwange weisen auf Katastrophen vergangener Zeiten hin. Auf der Straßenecke gegenüber erhebt sich auf hohem Sandsteinsockel ein Bürgerhaus aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts. Wir erkennen noch den einst durchgehenden Brustriegel unter den Fenstern, die als Zierwerk gedachten Radstreben und die mächtige Ausgestaltung des „Wilden Mannes" in der Mitte des Giebels. Auf dem Wege zum Schloss kommen wir an einer Fülle bedeutender Gebäude vorüber, die den verschiedensten Jahrhunderten angehören. Da ist zunächst das ehemalige Amtsgericht, das zu Ende des 18. Jahrhunderts als „Lutherische Kirche" errichtet worden war und nach 1829 das Gymnasium aufnahm (das heutige Amtsgericht befindet sich seit einigen Jahren in der Stiegelwiese). Deutlich erkennen wir an der Stellung der Häuser zur Straße, ob sie vor dem Ende des 17. Jahrhunderts errichtet worden sind oder danach; denn die älteren stehen alle ausnahmslos mit ihren Giebelseiten nach der Straße, wogegen die jüngeren ihr die Traufseiten zeigen. An der Ausgestaltung der Fachwerke selbst lesen wir das Alter der Häuser dann genauer ab.
Besonders hervorzuheben sind das Rektoratshaus aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert mit dem Renaissanceerker (1560), und der „Luckische Hof", ein alter Adelssitz (um 1490) mit seinem stolzen Fachwerk und der prächtigen Torhalle, die auf der Rückseite im Hof von zwei Sandsteinsäulen mit ionischen Kapitellen getragen wird. Gegenüber stehen das barocke Ganzsteinhaus der Herren von Gehren (heute Gaststätte) und das „Rothenbergersche Haus", das heute das Stadtarchiv birgt. Daneben, am Haus Wagner, können wir leicht die Bauabfolge dieses dreiteiligen Gebäudes ablesen. Der mittlere Teil weist noch die typischen Merkmale des gotischen Fachwerks auf: durchgehender, überblatteter Brustriegel, bogenförmige Fuß- oder Radstreben und die charakteristische Form des „Wilden Mannes". Jünger dagegen, wohl aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, das Vorderhaus mit seinen kräftigen Hölzern, dem geschnitzten Eckstock, dem veränderten „Mann" mit seinen krummen Streben und den Knaggen. Das rückwärtige Hausteil entstand im 18. Jahrhundert und weist nur noch zum Schema gewordenes Fachwerk auf. Ganz anders geartet dagegen ist das „v. Lautersche Haus" (1703). Es steht traufseitig zur Straße, die Balkenköpfe liegen verdeckt hinter Füllhölzern, das Dach ist abgewalmt und weist in der Mitte einen Zwerchgiebel auf. Der lateinische Spruch lautet in der Übersetzung: Das alte (Gebäude) war (entweder) durch Mangel an Pflege oder die Unbill der Zeit(en) verfallen, Heinrich Philipp Kirchner ließ es wieder erbauen im Jahre 1703. Das Fachwerk, das (in) späterer (Zeit) mit Mörtel übertüncht worden war, ließ Wolfgang Fürst zu Ysenburg und Büdingen im Jahre 1911 (wieder) freilegen.

Am Marstall vorbei erreichen wir das Schloss, das seit über 800 Jahren vom Geschlecht der Ysenburger bewohnt wird. 23 Geschlechter der verschiedenen Generationen haben im Laufe der langen Zeit an der baulichen Gestaltung des Hauses gewirkt. Besondere Sorgfalt wandte der derzeitige Fürst auf, um das überkommene Erbe in seinem Bestand zu sichern und zu renovieren. Die Kernburg aus dem 12. Jahrhundert wird von einer 13eckigen Mauer umgeben, die aus Buckelquadern errichtet ist. Zu dieser frühen Anlage gehören noch der mächtige Stauferpalas und Teile der romanischen Burgkapelle. Der mächtige Bergfried stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Über der romanischen Kapelle ließ Graf Ludwig II. eine gotische errichten, die er mit vielen Kunstwerken ausstattete. Steinmetze der Büdinger Bauhütte schufen das wundervolle Netzgewölbe und die Wormser Meister Peter Schanz und Michel Silge (1497 bis 1499) das prachtvolle Chorgestühl, ein Kleinod von besonderer Art. Die sandsteinerne Kanzel stammt von dem Büdinger Meister Conrad Büttner (1610), von dem noch zwei weitere beachtenswerte Werke im Wachtbau zu sehen sind. Während der Renovierungszeit (1950) legten die Fachleute in verschiedenen Räumen, die heute museal ausgestattet sind und bei Führungen gezeigt werden, Fresken frei, die zum Teil noch aus dem 14. bzw. aus dem 16. Jahrhundert stammen, als die Grafen darangingen, die Burg wohnlicher herzurichten.
Ein weiteres Kleinod weist das Schloss Büdingen in dem „gemalten Saal" auf. Er ist der einzige romantisch ausgemalte Saal aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in Hessen mit Bildern aus der ysenburgischen Hausgeschichte.

Vom Schloss führt unser Weg über den Schlossplatz zur Stadtkirche, einer spätgotischen Hallenkirche, die in den Jahren zwischen 1476 und 1491 errichtet worden ist. Auffallend im Innern ist das mit Wappen geschmückte Netzgewölbe in Chor und Langhaus. Von der Reformation bis in das 18. Jahrhundert diente der Chor der gräflichen Familie als Grablege (siehe Bronzetafel hinter dem Altar). Beachtenswert sind das Grabdenkmal des Grafen Anton von Ysenburg und seiner Gemahlin Elisabeth von Wied, die Ehrentafel für die Gefallenen aus dem 1. Weltkrieg, die steinerne Barockkanzel aus der Nachbargemeinde Hailer und der aus der Zeit um 1500 stammende spätgotische Kruzifixus auf dem Altar. Über dem Triumphbogen wurde 1956 das Wandgemälde des jüngsten Gerichts freigelegt. Auf der Südseite des Gotteshauses befinden sich an den Streberpfeilern eine Unmenge Schabemarken mit Näpfchen. Landläufig wird erzählt, die Leute hätten dort früher ihre Waffen geschärft. Richtiger dürfte aber sein, daß der mittelalterliche Mensch, der ja dem Aberglauben sehr zugetan war, „heiligen Staub" rieb, den man gegen allerlei Ungemach bei sich trug. Oft genug scheint man diesen Staub auch Medikamenten beigemischt zu haben.

Dem Kirchenportal gegenüber steht das älteste Rathaus der Stadt (nach 1400). Das Haus wirkt hoch und schlank. Bei einer Breite von 6 Metern erreicht der Bau eine Höhe von 14 Metern. Auf den öffentlichen Charakter des Hauses weist die Verkündungslaube auf der Nordseite hin. In der Wandgliederung des vorgekragten Obergeschosses sind die viertelkreisförmigen Fußstreben beachtenswert. Sie sind zur Sicherung der Pfosten eingebaut und betonen das konstruktive Element des „Wilden Mannes". Neben diesen Merkmalen lassen auch der verblattete, durchgehende Brustriegel, die Geschoßüberkragung mit den Außenknaggen und die Fensterproportionen den Übergang zu den spätgotischen Fachwerkhäusern erkennen.
Durch die schmale Rathausgasse gelangen wir vorbei an dem Stadtknechtshaus und dem Ratsdienerhaus zum Kauf- und Spielhaus, dem Rathaus von 1458. Diesem Zweck diente der Bau bis 1968. Heute beherbergt er das „Heuson-Museum" im Rathaus und den Sitzungssaal der Stadtverordneten-Versammlung. Das Haus ist in zwei verschiedenen Epochen errichtet worden. Auf steinernem, stockhohem Sockel wurde ein mächtiger Fachwerkbau aufgesetzt, dessen hölzerner Giebel an der Wende zum 16. Jahrhundert durch den steilen Staffelgiebel ersetzt wurde. Vier Eichenholzsäulen tragen den gesamten Innenbau. An die Funktion als Kaufhaus erinnert heute noch die Stadtelle „Büdinger Maßes" an der nördlichen Ecke unter der Heiligennische.

Nach wenigen Schritten erreichen wir den Marktplatz, der zu den jüngsten Einrichtungen der Stadt gehört. Er konnte erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts geschaffen werden, nachdem man die alten Wälle und Gräben eingeebnet hatte, die die Alt- und Neustadt jahrhundertelang trennten. Unmittelbar am Eingang zur Altstadt erhebt sich der „Schwan", ein spätgotischer Bau, um das Jahr 1490 als städtisches Gasthaus und Herberge errichtet. Das Eckhaus schräg gegenüber beherbergte über mehr als 400 Jahre das Neustädter Gasthaus die „Krone", bevor dieses im vergangenen Jahrhundert in das Nachbarhaus, die frühere Apotheke, umzog. Das Eckhaus weist in seinem rückseitigen Bestand und auf der Giebelseite noch wesentliche Stilelemente aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auf. Durch die Kronengasse gelangen wir zum ältesten Fachwerkhaus des Städtchens. Das Urhaus stammt aller Wahrscheinlichkeit nach noch aus dem 14. Jahrhundert. Schade, daß die Traufseite im vergangenen Jahrhundert erneuert werden mussten. Der Giebel wirkt durch die wenigen, aber kräftigen Hölzer. Es fällt auf, daß die Pfosten weit auseinander stehen und Bogenfeld (Tympanon) über dem Portal zur ehemaligen Schloss-Kapelle nur die Eckstiele gegen Verschiebung durch Kopfbänder und Fußstreben gesichert sind. Charakteristisch für dieses alte Haus ist der überblattete durchgehende Brustriegel, im Giebeldreieck die durchgehende Firstsäule und dann vor allem die starken Geschossüberstände mit den Außenknaggen. Der Grundriß dieses Wohnhauses entspricht den typischen Handwerkerhäusern, die im Erdgeschoß eine geräumige Werkdiele und im vorgekragten Obergeschoß die Wohn- und Schlafräume enthalten. Der Erbsengasse folgend überqueren wir den Wagenplatz vor der Insel und betreten durch einen mächtigen Torbau den 1569 errichteten Oberhof, das erste Renaissancegebäude der Stadt. Als Witwensitz errichtet, diente es mehreren Gliedern der Familie Ysenburg als Wohnung. 1959 ging der Oberhof durch eine Schenkung des Fürsten in den Besitz der Stadt über.

Unser Rundgang führt uns von hier zum Obertor, am Bandhaus, dem einstigen Kelterhaus vorbei, zum mächtigen „Folterturm" an der Nordostecke der Stadtmauer und von da am Gebück entlang in den Hirschgraben, der früher wesentlich tiefer, als Trockengraben die Stadt nach der Bergseite hin absicherte. Sehr zu empfehlen ist eine Besichtigung des „Dicken Bollwerks" mit dem anschließenden "Hexenturm", in dem während der schrecklichen Zeit des Hexenwahns so viele unglückliche Menschen kümmerlich darben mußten. Ein Aufstieg auf die Plattform lohnt sich allemal. Von hier haben wir einen herrlichen Blick über die Büdinger Altstadt, wir können hinüberschauen zum Hexentanzplatz auf dem „Wilden Stein", erkennen die mächtige Wand des Büdinger Buntsandsteinbruches, in der Ferne sehen wir die Ronneburg und die Reste der Herrnhutersiedlung auf dem uralten Haagberg, wir sehen aber auch das andere, das neuere Büdingen, das sich seit dem Eisenbahnbau (1870) nach Westen und Süden auszudehnen begann.



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